Carlo Vive. G8, Genua 2001

Besprächung | Linke Buchtage Berlin, Ausstellung 16.06. – 18.06.2017



Es war wohl eines der prägendsten Bilder des Jahres 2001, oder besser: des Sommers 2001, bevor der 11. September alle Bilder überdeckte und die politischen (Zweck-)Bündnisse innerhalb der Linken über den Haufen warf: der namenlose tote Demonstrant mit der Sturmmaske inmitten von Tränengasnebel während der Demonstrationen gegen den G8-Gipfel in Genua am 20. Juli 2001. Weil nicht nur die folgenden weltpolitischen Ereignisse des Jahres 2001 den Toten, den 23-jährigen Carlo Giuliani, in den Hintergrund rückten, sondern auch die italienische Justiz wenig zur Klärung der Umstände seines Todes beitragen wollte, haben die Angehörigen des Aktivisten über Jahre hinweg versucht, die Verantwortlichen für die tödlichen Schüsse vor Gericht zu bringen – erfolglos. 2003 wurde die Untersuchung gegen den Carabiniere, der Carlo Giuliani erschoss, mit der Begründung der »legitimen Selbstverteidigung« eingestellt, der Widerspruch der Eltern gegen das Urteil vor dem Europäischen Gerichtshof in Straßburg 2009 in erster und 2011 in zweiter Instanz abgewiesen und die italienische Regierung von jeglicher Mitverantwortung am Tod des Demonstranten freigesprochen.


Weil die Aussagen der Verantwortlichen vor Gericht voller Widersprüche steckten und viele Zeugen nicht angehört wurden, haben Francesco Barilli und Manuel de Carli für »Carlo Vive« die letzten Stunden von Carlo Giuliani auf Basis von Aussagen seiner Eltern, Schwester und Freunden rekonstruiert, um ein neues Licht auf die Umstände seines Todes zu werfen. In langen Interviewsequenzen zeichnen sie ein Bild des jungen Aktivisten, das so gar nicht mit der Urteilsbegründung der »legitimen Selbstverteidigung« gegen einen militanten Demonstranten zusammenpassen will. Detailliert werden alle bekannten und einige unbekannte Details über die Minuten seines Todes zusammengetragen und die juristisch anerkannte Version der Verkettung unglücklicher Umstände – eine durch einen von Demonstranten geworfenen Stein abgelenkte Polizeikugel – angezweifelt.


Vor allem aber erinnern Francesco Barilli und Manuel de Carli an die im Sommer 2001 noch junge linke Bewegung der G8-Gegner_innen, die in Genua erstmals massiv die staatliche Repression zu spüren bekamen. Während zahlreiche Demonstrant_innen zum Teil absurd hohe Haftstrafen absitzen mussten und bei der Festnahme und in Untersuchungshaft brutalen Gewaltakten – im Nachwort ist gar von »Folterungen« die Rede – ausgesetzt waren, wurden auch hier die Verantwortlichen entweder gar nicht verurteilt oder erhielten allenfalls als symbolisch zu interpretierende Strafen.



Rezensiert von: Jonas Engelmann