Comic-Besprechung - Carlo Vive: G8, Genuar 2001

splashcomics.de, 16.12.2016



Meinung:


Es ist immer tragisch, wenn Menschen sterben. Noch tragischer ist es, wenn diese Tode unter Umständen geschehen, die man einfach nur als dramatisch bezeichnen kann. So auch das Ableben von Carlo Guiliani, der bei dem G8-Gipfel in Genua 2001 erschossen wurde. Und geht man nach "Carlo Vive: G8, Genua 2001", dann liegt die Schuld allein beim Polizeiapparat.


Dieser Comic, der von Francesco Barilli und Manuel De Carli stammt, ist der Versuch einer chronologischen Aufarbeitung der Ereignisse. Man erfährt, was zuvor geschehen ist. Und das, was danach geschehen ist. Hinzu kommt auch noch einiges an Sekundärmaterial, wie ein ausführliches Glossar, Vorwort und Nachwort. Soviel zu den nüchternen Fakten.


Denn dieses Album ist alles, nur keine neutrale Betrachtung der Ereignisse. Er nimmt deutlich Position ein, bezieht Stellung, und zwar für die Vermutung oder Tatsache - je nach Sichtweise - dass der Tod von Carlo Guilliani kein Unfall war, sondern gewollt. Und dass die Schuldigen immer noch auf freiem Fuß sind, trotz aller Bemühungen der Hinterbliebenen, die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen.


Doch hauptsächlich konzentriert sich der Band auf die Aufarbeitung der Ereignisse, die zu dieser Katastrophe führten. Und bedient sich dabei hauptsächlich Interviews mit Freunden und Verwandten des Verstorbenen. Das Bild, dass man dabei erhält, ist das eines jungen Mannes, der mit der Ungerechtigkeit dieser Welt unzufrieden ist, und deshalb eines Tages beschließt, dagegen vorzugehen.


Betont wird dabei, dass er nicht militant war. Im Gegenteil: Wieder und wieder lautet die Aussage der Hinterbliebenen, dass er sich nicht was zu Schulde hat kommen lassen, und dass eine Anklage wegen Drogenmissbrauch in seiner Kindheit auf Aussagen von korrupten Polizisten basieren. Durch diese Aussagen erhält man das Bild eines jungen Mannes, der am Ende einfach nur das Pech hatte, am falschen Ort zur falschen Zeit zu sein und vielleicht sogar das falsche zu machen.


Die Szenen, in denen man den Hergang der Taten liest, sind eindrucksvoll geschildert. Und es zeigt sich, was für ein intelligenter Mensch er war. Er war jemand, der quasi auf den Füßen dachte und so in der Lage war, sich einer Situation anzupassen.


Dabei stellt das Kreativteam nicht nur ihn in den Vordergrund. Auch die Aussagen seiner Eltern und Verwandten werden dargestellt. Anders als jedoch die Erinnerungen an die Ereignisse geschehen diese überwiegend im luftleeren Raum. Jedes Kapitel fängt damit an, dass eine dieser Erzähler in einem weißen Panel sitzt und bei sich einen Gegenstand hat, der irgendwie mit Carlo in Verbindung steht. Sei es seine Sturmmaske, die er trug, um sich gegen das Tränengas zu schützen, oder ein Klebeband, dass er ebenfalls mit sich führte und es wiederholt anwandte. Dadurch entsteht eine Verbindung zwischen dem Verstorbenen und den Hinterbliebenen.


Das Kreativteam arbeitet akribisch. Jede Aussage, jede Sequenz, die man in diesem Album vorfindet, basiert auf realen Ereignissen und wurde entweder durch Zeugenaussagen oder durch Bild und Tonaufnahmen belegt. Die Arbeit, die dahinter steckt, muss enorm gewesen sein. Und man hat einen Riesenrespekt für diesen Aufwand, denn das Kreativteam auf sich genommen hat.


Funktionieren tut dies allerdings auch wirklich nur, weil das Album alles andere als neutral ist. Es wird Leute geben, die die geschilderten Ereignisse skeptisch betrachten. Doch man sollte sich wenigstens die Mühe geben, diese Darstellung der Geschehnisse zum Anlass zu nehmen, sich selbst ein Bild zu machen. Die diversen Quellen nutzen, um selber nachzuforschen und seine eigene Meinung zu bilden. Denn das gelingt dem Album sehr gut.


Und deshalb ist dies ein hervorragendes Album, das man lesen sollte. Es ist ein "Klassiker" und ein "Splashhit".



Fazit:


Francesco Barillis und Mauel De Carlis "Carlo Vive: G8, Genua 2001" ist alles andere als eine neutrale Aufarbeitung der Ereignisse. Das Kreativteam ist deutlich auf Seiten der Eltern und Freunden des Verstorbenen. Und betreiben einen Riesenaufwand, um die Thesen und Theorien der Hinterbliebenen zu unterstützen. Schon allein dafür gebührt ihnen der Respekt. Und gleichzeitig ist dieses Album auch ein Denkanstoß, sich selbst eine Meinung zu bilden und die Quellen zu nutzen, die zur Verfügung stehen.



Rezensiert von: Götz Piesbergen
Link: www.splashcomics.de/php/rezensionen/rezension/24398/carlo_vive_g8_genuar_2001