Willst du wissen, wer Carlo war?

Comixene - Fachmagazin Comic + Cartoon - Ausgabe Nr. 121 | Winter 2016



Diese Frage, die als Überschrift eines Kapitel des Buches zu lesen ist, gilt wohl als Zusammenfassung des Werks. Hier wird ein Porträt von Carlo Giuliani skizziert, dem 23-Jährigen, der am 20. Juli 2001 während einer Demonstration des zivilen Ungehorsams gegen den G8-Gipfel in Genua von einem Carabinieri getötet wurde. Kurz nach dem Ereignis erscheint ein Foto der Presseagentur Reuters, auf dem Carlo eine Sturmhaube trägt und einen Feuerlöscher über den Kopf hält, während der Carabinieri seine Pistole auf ihn richtet. Dank dieses Bildes ist Carlos Tod für die Behörde und die Presse eine Selbstverteidigungshandlung, und um diese Auffassung zu rechtfertigen, werden seine Vorstrafen an die Öffentlichkeit gebracht. In dieser >>Comic-Untersuchung<<, wie der Verlag es nennt, geht es darum, zu beweisen, dass Carlo zu Unrecht ermordet wurde. Anhand vor allem aus alternativen Medien stammenden Materials und Gesprächen mit Familienmitgliedern gelingt den Autoren eine Rekonstruktion der Ereignisse und eine Alternative zu dem >>Bild des >Vandalen<, welches die Verantwortlichen und die Medien dem Opfer zugewiesen haben<< (Ausschnitt aus dem Vorwort).
Die Comic-Form liefert einen Überblick über die Mischung aus Polizeigewalt, den Interessen der Behörden und der Mittäterschaft der dominanten Presse aus vielfältigen, fragmentierten Indizien. So werden in Carlo Vive die Geschehnisse an jenem Nachmittag in Genua effizient rekonstruiert. Weniger effizient ist die Grammatik des Mediums beim Argumentieren. Die Kapitel mit Aussagen von Zeugen über Carlo und den Prozessverlauf verwenden die Bilder nur als sekundäre Erzählelemente und benötigen viel mehr Text. Dennoch lesenswert.



Rezensiert von: Augusto Paim
Link: www.comixene.com/