Wer ist wir?

Freitag, Nr. 42, 15. 10. 2020



Verunsichernder als die Angst vor der Krankheit ist die Krise der Gesellschaft, sagt Georg Seeßlen.

Wann ging das eigentlich los, dass aus dem „Wir gegen das Virus“ ein „Wir gegen die anderen“ wurde? Georg Seeßlens Coronakontrolle, oder: Nach der Krise ist vor der Katastrophe zu lesen, fühlt sich an wie eine Zeitreise in eine Vergangenheit, die erst vor acht Monaten begonnen und so viele diskursive Schleifen gedreht hat, dass man kaum noch ausmachen kann, was für den Kippmoment sorgte. War es der sozialdarwinistische Tabubruch, mit dem der Grüne Boris Palmer Junge gegen Alte ausspielte, waren es die Corona-Rebellen vor der Volksbühne Berlin, zu denen sich immer mehr Rechtsextreme gesellten? Fragil und brüchig war dieses mit Appellen an die Solidarität postulierte „Wir“ lange vor Corona. Aber am Anfang der Pandemie gab es dieses kleine Zeitfenster, in dem die Möglichkeit für das au ackerte, was Seeßlen, auch Autor des Freitag, einen „Game Change“ nennt. Die marktkonforme Demokratie erschien für einen Moment weniger marktkonform. Pflegekräfte und Supermarktkassiererinnen galten plötzlich als systemrelevant, eine Metapher, die zuvor für Banken galt. Fast alle sorgten sich, ob das auf Profit getrimmte und kaputtgesparte Gesundheitssystem zusammenbrechen würde. Dass sich in der Krise die Verwerfungen des Kapitalismus wie unter einem Brennglas zeigen, war anfangs eine geflügelte Formulierung. Sie wurde schnell übertönt vom lauten Ruf nach der „Rückkehr zur Normalität“. Eigentlich paradox, denn die krisenhafte Wirklichkeit der vermeintlichen Normalität war eben erst so deutlich benannt worden wie selten zuvor.

Mit der Programmatik der Kritischen Theorie skizziert Seeßlen die Strategien von Reaktion und Restauration und beschreibt, wohin die Reise in der neoliberalen Post-Corona-Welt geht. „Dieses Buch, es sei als Warnung vorweggenommen, ist nicht besonders hoffnungsfroh“, schreibt er zu Beginn. Ein Satz, der geradezu fürsorglich wirkt und zugleich klarstellt, was man vermisst. Denn zuerst gab es sie ja noch, diese „idealistische Hoffnung, die Krise könne, wenn sie sonst schon nichts Gutes brächte, wenigstens die Spaltung der Gesellschaften etwas moderieren“. Während die Infektions- zahlen steigen, man in der U-Bahn dicht gedrängt mit Menschen steht, die ihre Maske unter dem Kinn tragen und im Nacken den Atem spürt, begreift man sofort, was Seeßlen meint, wenn er von der Unfähigkeit, gesellschaftlich auf diese Krise zu reagieren, spricht. En passant macht er darauf aufmerksam, wie die Atemnot die Leitthemen der vergangenen Monate auf irritierende Weise miteinander verbindet. Die Maskenpflicht in der Corona-Krise und die rassistische Gewalt der Polizei. „I can’t breathe“, rief George Floyd, bevor er getötet wurde. Die Angst vor dem Ersticken setzt sich in den Szenarien der Klimakatastrophe fort.

Dass die Maske zum Gegenstand erbittert geführter gesellschafticher Auseinandersetzungen werden könnte, war vor Corona nicht vorstellbar. Die OP-Maske des Chirurgen in ihrer Schutzfunktion für jene, die auf dem Operationstisch liegen, gilt als zivilisatorischer Fortschritt. Eine Gesellschaft, die auf kritische Vernunft und liberale Humanität bezogen sein will, würde diese Maske „anstandslos“ akzeptieren, auch als Zeichen der Fürsorge, konstatiert Seeßlen. Wie schlecht es um den Wert Humanität bestellt ist, konnte man seit der Debatte um die Flüchtlingspolitik nach dem Sommer der „Willkommenskultur“ erkennen.

Die Freiheit, die sie meinen

Die Maske wurde politisiert. Und in dieser Politisierung zeigt sich, dass auch auf die Rationalität kein Verlass ist. Seeßlen verweist auf den Unterschied zwischen Neoliberalismus und Postdemokratie und den Gesellschaften des demokratischen Kapitalismus. In letzteren gab es noch ein gewisses Vertrauen, dass Entscheidungen auf Basis von nachprüfbaren Fakten getroffen werden. Spätestens seit Donald Trump, einem Präsidenten, der bereit ist, gegen die kritische Zivilgesellschaft einen Bürgerkrieg anzuzetteln, ist dieses Vertrauen erschüttert. Bei den Demos gegen die Corona-Maßnahmen treten Menschen auf, die in Demokratie nicht viel mehr sehen wollen als ihre subjektive Freiheit in Arbeit und Freizeit. Und die gegen medizinisch-rationale Restriktionen rebellieren, weil Gesellschaft für sie nichts anderes mehr bedeutet als In-Gesellschaft-Sein. In einer Pandemie ist das so „ziemlich das Antisozialste, was man tun kann“, schreibt Seeßlen. Die Philosophin Isolde Charim hat in einem Essay in der taz auf die Dialektik von Freiheit und Unterwerfung hingewiesen. Die ökonomische Freiheit des Neoliberalismus hat alle anderen Freiheiten usurpiert. Und unter diesem Diktum wird bei den Hygienedemonstrationen im Namen der „individuellen“ Freiheit aufbegehrt, die im Zweifelsfall zum freien Fall führt. Seeßlen, ein Seismograf für gesellschaftliche Entwicklungen, sagt, verunsichernder als die Angst vor einer Erkrankung sei diese Entgesellschaftung. Das Verschwinden einer Gesellschaft, wie wir sie kennen. „And, you know, there is no such thing as society“, sagte Margret Thatcher. Aber ohne Gesellschaft lässt sich keine Krise überwinden.



Rezensiert von: Martina Mescher
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