Der Sinn des Lebens: Kapitalismus

Neues Deutschland, 12./13. 9. 2020



»Es gibt viel Schlimmes in der Krise, und es gibt viel Gutes. Die Sache hat nur einen Haken: Das Gute zeigt sich individuell, episodisch, menschlich und unpolitisch, das Schlimme aber wirkt ins Strukturelle, Organisatorische, Mächtige und Politische«, schreibt Georg Seeßlen in seinem druckfrischen Buch »Coronakontrolle« und meint damit sicherlich nicht die geheimen Pläne von Bill Gates (die auf Youtube erklärt werden) oder die »Merkelsche Maskendiktatur«.

Während weiter Menschen schwer erkranken und versterben, rufen die Neoliberalen schon nach dem Normalzustand, auf dass die Wirtschaft nicht leide. Ein paar Tote könne man schon verkraften, die waren dann eben alt oder aus eigener Schuld vorerkrankt. Doch vor dem Virus sind nicht alle gleich. Ein Boris Johnson ist dann doch etwas gleicher als Jim Crow oder Liese Müller. Verkehrsminister Scheuer drängt der Autobranche Prämien auf, von signifikanten Lohnsteigerungen für medizinisches Personal ist nichts zu hören. Der Großschlachter Tönnies beantragt staatliche Lohnkostenzuschüsse, eine Million Mitarbeiter der Kultur- und Veranstaltungsbranche – die immerhin sechstgrößter Wirtschaftszweig ist – dürfen Hartz IV beantragen. Es gibt eine Menge zu kritisieren am Krisenmanagement. Die Maskenpflicht ist es nicht.

Georg Seeßlen hatte im August 2020 in dieser Zeitung zur ideologischen Verfasstheit der »Coronaskeptiker« einen Essay geschrieben. In seiner Kürze war er sicher kontrovers. In »Coronakontrolle, oder: Nach der Krise ist vor der Katastrophe. Die Post-Corona- Gesellschaft und was sie uns über die Zukunft erzählt« nimmt Seeßlen sich deutlich mehr Zeit für die Analyse einer Gesellschaft, deren Wahlspruch Thatchers »So etwas wie Gesellschaft gibt es nicht« ist. Das Zurückdrängen von Gesellschaft als politischer und sozialer Raum zugunsten eines Systems nackter ökonomischer Interessen und objektiver Kosten-Nutzen-Rechnung (die der Wirtschaftslobbyismus durch seine Intervention schon ad absurdum führt), macht ihm Angst. Nützlichkeitsdiskurse à la Schäuble oder Boris Palmer reduzieren den Menschen auf seine Arbeits- und Konsumkraft und produzieren das Feindbild der Überflüssigen: gemeint sind Alte, Kranke, Erwerbslose, Entwurzelte. Freiheit ist die Freiheit von Verpflichtungen dem Mitmenschen gegenüber. Selbstverantwortung muss man mit Verantwortungslosigkeit übersetzen, möge der Stärkere gewinnen. Dass esoterische Selbstoptimierer und die national- und marktradikale AfD nicht zufällig auf der selben Hochzeit tanzen und Staatsfunktionäre nur protestieren, wenn es allzu dick nach NS riecht, ist dem gemeinsamen Ideenreservoir und dem gleichen ethikfreien elitären Denken geschuldet. Linke Kritik an der Pandemieverwaltung muss anderen, solidarischen Ansätzen folgen.



Rezensiert von: Mario Pschera