Reise zum Anfang einer langen Nacht

Wiener Zeitung - Comics, 07.02.2014



Manchmal lenken Kritik, Zweifel und Ablehnung geradewegs auf neue Bahnen. So hat die Nachricht über ein Comic über den Holocaust Thomas Fatzinek zum Comic-Zeichner gemacht. "Um Himmels willen! Ein Comic über die Shoah! Das darf man nicht machen!", waren seine ersten Reaktionen, als er 1989 von Art Spiegelmans Comic "Maus" erfuhr. Nach einigen euphorischen Kritiken wurde er dann aber doch neugierig, las das Buch und war, wie er erzählt, "so was von begeistert. Und ich hab' gewusst: Man kann über den Holocaust ein Comic machen. Vorausgesetzt man hat das nötige Talent. Und Art Spiegelman hat es!"

Der erste Eindruck war ein bleibender. Jahre später beginnt Fatzinek dann selbst, mit Comics zu historischen Ereignissen zu experimentieren: Seine Bildgeschichten erzählen vom US-amerikanischen Justizmord an den italienischen Anarchisten Sacco und Vanzetti oder vom Kampf Hermann Langbeins in Spanien. Mit "Als die Nacht begann" hat er wiederum ein Comic als Linolschnitt vorgelegt, das auf 58 Seiten die Geschichte eines jungen Arbeiters aus der Zwischenkriegszeit erzählt. Oskar, der Held seiner Geschichte, wächst als Arbeiterkind im "Roten Wien" auf. Er erlebt die Gründung der Ersten Republik und den Justizpalastbrand mit. Radikalisiert durch die Kompromissbereitschaft der Sozialdemokratie angesichts der Zerschlagung der Demokratie durch die christlichsoziale Partei und die faschistischen Heimwehren, organisiert er sich im republikanischen Schutzbund. Nach der vereitelten Waffensuche im Hotel Schiff in Linz und dem Ausbruch der Kampfhandlungen im Februar 1934 ebendort, erleben wir Oskar bei den Kämpfen im Karl-Marx-Hof und der anschließenden Flucht via Kanalisation.

Form und Funktion erweitert um Emotion: Geschickt hat der Künstler mit "Als die Nacht begann" ein Comic vorgelegt, das viele historische Fakten in eine scharfsinnige und leidenschaftliche Geschichte einbindet. Der Titel dieser Arbeit bezieht sich allerdings nicht bloß auf die Nacht des 13. auf den 14. Februar, als sich in Wien die Niederlage der Schutzbündler im Kampf um Recht und Freiheit und gegen den Faschismus abzeichnete, sondern auf die Zeit bis 1945 überhaupt: Denn nach den Februarkämpfen blieb es bis 1945 dunkel.

Entstanden ist "Als die Nacht begann" in den Jahren 2002 bis 2004 – als Abschlussarbeit seines Studiums in der Werkstätte Druckgrafik der Wiener Kunstschule. "Selbst die Schrift ist geschnitzt, einen ganzen Sommer lang hab ich dafür nur die Buchstaben gemacht", erzählt er. Dass er sich für einen Linolschnitt entschieden hat, liegt auf der Hand, denn er versucht mit seinen Arbeiten immer, den Stil ans Thema anzupassen. So wird der traditionsreiche und vergleichsweise billige Holzschnitt, der im Verfahren dem Linolschnitt gleicht, schon seit dem 15. Jahrhundert für politische Information und Agitation genutzt – früher für Leute, die nicht oder kaum lesen konnten, später vor allem auch für Plakate und Flugblätter. Impulsgeber für diese Arbeitsweise waren für ihn vor allem der belgische Künstler Franz Masareel und Gerd Arntz, der in seiner Funktion als Wegbereiter des modernen Piktogramms berühmt wurde; seine Holzschnitt-Arbeiten über die Fabriks- und Straßenkämpfe der 1930er Jahre sind heutzutage indessen weniger bekannt.

Doch bevor es ans Zeichnen ging, hieß es erst einmal recherchieren. Monatelang hat Fatzinek in der Bibliothek der Arbeiterkammer in Wien gelesen. Von Zeitzeugenberichten über Zeitungsartikel bis zu wissenschaftlichen Monografien. Die Idee dazu kam aber schon sehr viel früher, in einer Zeit, als das Thema noch tabu war in Österreich, als gerade einmal begonnen wurde, über die eigene Nazi-Vergangenheit nachzudenken.

Der Stein des Anstoßes lag in Linz, wo er 1965 geboren wurde. "Ich hab damals bei der Volkshilfe in einem Altenbetreuungsprojekt gearbeitet. Wir wollten ein Zeitzeugenprojekt auf die Füße stellen. Und da bin ich erstmals auf diese Geschehnisse gestoßen. Bis dahin hatte ich ja immer gedacht, dass der Bulgari-Platz etwas mit Bulgarien zu tun hatte", lacht er. Dabei ist der Platz nach dem standrechtlich ermordeten Schutzbündler Anton Bulgari benannt. "Aber wie hätte man das wissen sollen, damals hat niemand darüber geredet, und auch in der Schule haben wir nie etwas davon gehört."

Dass er sein Comic in Wien spielen lässt, hat rein pragmatische Gründe – er wohnt mittlerweile in Wien, allerdings ist seine Geschichte rein fiktiv und speist sich aus den vielen Lebensgeschichten von Beteiligten. Aber auch vor Ort hat er sich ein genaues Bild gemacht, vom Stiegengeländer im Karl Marx Hof oder von den Uniformen der Heimwehr im Heeresgeschichtlichen Museum: "Weil nur nach Fotos zu arbeiten, das ist zu wenig."

Geschichten von Gezeichneten


Doch nicht alles ritzt Fatzinek in Linol. "Die Schönheit der Verweigerung" über Partisanen wie Sepp Plieseis oder Resi Pesendorfer aus dem Salzkammergut oder seine vor kurzem beendete Arbeit über die Wiener Schauspielerin und Schriftstellerin Lili Grün (ermordet 1942 im weißrussischen Vernichtungslager Maly Trostinec) sind gezeichnet: "So eine schillernde Figur, die kann man nicht in Linolschnitt darstellen", sagt er. "Damit kann man proletarische Heldenepen machen, aber keine Geschichte über so einen Charakter. Sie war eine bunte, fröhliche Frau, und ich habe versucht, dieser Persönlichkeit mit Lockerheit und Farbe gerecht zu werden."

Bisher hat der Künstler all seine Bildgeschichten im Eigenverlag publiziert, was ihm zufolge weniger am politischen Inhalt denn am Desinteresse an Comics in Österreich generell liegt: "Comics sind hierzulande nicht mit Prestige verbunden, sie werden noch immer sehr stiefmütterlich behandelt." Aber allmählich ändert sich das, wie man am Beispiel Nicolas Mahler gut sehen kann. Von ihm mussten viele Bildgeschichten zuerst einmal in Frankreich erscheinen, bevor er hier überhaupt wahrgenommen wurde und einen deutschsprachigen Verlag gefunden hat. "Heute geben sie an mit ihm, heute ist er eine Berühmtheit. Vielleicht wacht Österreich ja dadurch ein wenig auf."

Auch wenn Fatzinek nach wie vor auf Verlagssuche ist, wurden seine Comics bereits ausgestellt, unter anderem im Renner Institut oder in der AK-Bibliothek in Wien. Auch reisen viele seiner Bilder mittlerweile um die ganze Welt: So wurden ausgewählte Bilder im Vorjahr auf der Leipziger Buchmesse und auf der Grafik Biennale in Guanlan in China gezeigt.

Was er an Comics besonders schätzt? Dass man Geschichte und Politik auch an Leute bringen kann, die sich nicht durch historische Bücher ackern wollen. Darum gibt er bei seinen Werken auch oft weiterführende Literatur an. "Durch vermeintlich leichte Kost machen Comics ein Thema leicht zugänglich. Kommt auf den Geschmack und dann interessiert euch dafür!"

Rezensiert von: Christa Hager
Link: www.wienerzeitung.at/dossiers/februar_1934/606556_Eine-Reise-zum-Anfang-einer-langen-Nacht.html