Die Verteidigung Sarajevos

Augustin, Nr. 469, 24.10.2018





Kult-Comics: Valter verteidigt Sarajevo, ein jugoslawischer Comic aus den 70er Jahren, und Joe Saccos Sarajevo von 2015 geben tiefe Einblicke in die Geschichte dieser Stadt.

Es ist wohl eine der eindrücklichsten Kinoszenen überhaupt, die es über eine Stadt gibt: Zwei Nazis unterhalten sich auf einem der Hügel Sarajevos über den mysteriösen Anführer des Partisan_innenwiderstands mit dem Decknamen Valter (dt. Walter): „Merkwürdig! Seit ich in Sarajevo bin, suche ich Walter und finde ihn nicht. Und jetzt, wo ich gehen muss, weiß ich, wer er ist.“ Und indem der Standartenführer von Dietrich auf die Dächer von Sarajevo zeigt, äußert er die zwei ikonischen Sätze: „Sehen Sie diese Stadt? Das ist Walter!“ – Der Widerstand hat die Stadt geeint, der Partisan_innenanführer ist zum kollektiven Symbol der Stadt geworden.
Hajrudin Krvavacs Valter brani Sarajevo (Einer verteidigt Sarajevo, auch Walter verteidigt Sarajevo) kam 1972 in die Kinos und wurde nicht allein in Jugoslawien zum Kassenschlager. Herausragend war der Erfolg vor allem auch in der Volksrepublik China, wo der Film zu den meistgesehenen in den 1970er-Jahren avancierte. Anlässlich eines Besuchs in China wurde Hauptdarsteller und Kultstar Bata Živojinić am Flughafen von über einer Million Fans empfangen. Nun ist der Comic gleichen Namens, Valter verteidigt Sarajevo (1975) von Ahmet Mominović, auf Deutsch erschienen. Das ist eine gute Gelegenheit, sich einer jugoslawischen Ikone anzunähern, die außer in Film und Comic auch in Straßen- und Bäckereinamen oder Pop-Songs ihr Weiterleben gefunden hat.

Bankangestellter und Partisan. Valter war der Nom de Guere von Vladimir Perić, 1919 geboren und ausgerechnet am Tag der Befreiung Sarajevos, am 6. April 1945, von der Deutschen Wehrmacht und ihren Verbündeten durch eine Granate ermordet. Perić, Bankangestellter und Wirtschaftsstudent inBelgrad, war 1941 aufgrund seines politischen Einsatzes für Arbeiterrechte nach Sarajevo versetzt worden. Am 6. April – in Bosnien ein schicksalhaft wiederkehrendes Datum – griff die deutsche Wehrmacht Jugoslawien an. In den folgenden Jahren beteiligte sich Perić am Widerstand der Partisan_innen gegen die deutschen Nationalsozialisten, die kroatische Ustascha und die serbischen Tschetniks. Seine herausragenden Fähigkeiten bringen ihn bald in leitende Positionen. Sprengungen von Brücken, Geleisen und Telefonleitungen, Überfälle auf Konvois gehörten zu den durchaus wirkungsvollen Sabotageakten der Partisan_innen. Bevor die nationalsozialistischen Besatzer im Frühjahr 1945 ihren Rückzug antreten müssen, planen sie, die zentralen Infrastrukturen Sarajevos zu zerstören. Valter, inzwischen an der Spitze sämtlicher Untergrundaktionen der Stadt und von den Deutschen fieberhaft gesucht, verbleibt in Sarajevo, um die Pläne der Nazis zu vereiteln. Wie sehr die Bevölkerung es ihm dankte, kann man an den vielen tausenden Menschen erkennen, die wenige Tage nach seinem Tod zu seiner Beerdigung erschienen.
Kravacs Film wird den Mythos Valter auf einen unerschütterlichen Sockel setzen. Während der Regisseur zum einen eine meisterhafte Mischung aus Partisan_innenkriegsfilm und Spionagethriller kreiert, deutet er zum anderen Valter mit seiner Schlussszene als Sinnbild brüderlicher Solidarität und kollektiver Verteidigung einer Stadt, die ihre individuellen ethnischen Identitäten hinter ihre Geschlossenheit stellt.
Der Comic, der ursprünglich 1975 in Magazinen erschienen ist, besteht dagegen aus sechs in sich abgeschlossenen Episoden, die jeweils eine Sabotageaktion der Partisan_innen oder umgekehrt Fallen der deutschen Wehrmacht, wie etwa das Einschleusen eines „falschen Valters“, schildern. Drei der Episoden, also die Hälfte, sind merklich an den Film angelehnt, zugleich aber aus dessen Gesamtdramaturgie herausgelöst. Schließlich fehlt die Schlussszene aus Krvavacs Vorlage. Der Schwarzweißcomic, der übrigens kaum weniger erfolgreich war als der Film, setzt neben Spannungselementen stärker auf das heldenmütige Porträt von Vladimir Perić Valter und seine partisanische Aktionen. Zugleich lebt er von den Szenen und Wahrzeichen in der Stadt, die im Hintergrund dargestellt sind, wie etwa die Begova-Moschee oder der osmanische Uhrturm.

Mythisierung und Krieg im Krieg. Weshalb der Mythis Valter jedoch eine bis in die Gegenwart anhaltende Spannung erlebt, ist wohl mit den Ereignissen zu Beginn des Bosnienkriegs verknüpft. Im März 1992 wurden in Sarajevo große gewaltfreie Demonstrationen abgehalten, auf denen Plakate und Transparente mit den Aufschriften „I am Walter“ und „Wir sind Walter“ oder „Sex without Borders“ mitgeführt wurden. Valter ist, noch vor dem Tod des Regisseurs Krvavac gegen Ende des Jahres, abermals ein einigendes Symbol gegen eine nationalistische Aufspaltung. Am 6. April 1992 fallen jedoch die ersten Schüsse auf die demonstrierenden Sarajevoer_innen, zwei Frauen kommen ums Leben, die friedlichen Hoffnungen zerbrechen. Trotz dieses bitteren Misserfolges war die Bewegung vermutlich die stärkste Stimme für den Frieden in dieser Zeit.

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Dass Valter als subversive Figur, die den Geist einer antinationalistischen Einstellung repräsentiert, den Bosnienkrieg überlebt hat, zeigt etwa der Song Walter aus dem Album 5 do 12 (2010) der bosnischen Dub-Band Dubioza Kolektiv, mit dem die Musiker angesichts der Entwicklungen im Wahljahr 2010 auf eine ethno-nationalistische Politik reagieren. „Dieses Land darf nicht dreigeteilt werden“ („Ova zemlija nije djeljiva sa tri“), heißt es da etewa gegen die durch das als provisorisch intendierte Dayton-Abkommen geerbte politische Pattstellung und Förderung der inneren Zersplitterung, die eine Folge des Proporzsystems (in Bosnisch-Bosniakisch, Bosnisch-Serbisch, Bosnisch-Kroatisch) ist. In ihrem Statement, sie seien keine Bosniaken, sondern Bosnier, klingt ein klares Bekenntnis zu einer interethnischen Identitätsverständnis an. Und am Ende des Walter-Songs beschwört das Dubioza Kolektiv geradezu Valters Rückkehr: „Wenn wir ihn am dringendsten brauchen, kommt Walter zurück.“ („Najviše kad treba Vratice se Walter.“)



Rezensiert von: Martin Reiterer
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