Big in China

Freitag, Nr. 41, 11.10.2018



Action. Partisan Valter ist im ehemaligen Jugoslawien ein Mythos. Die Neuausgabe des „Valter“-Comics verpasst die Chance, mehr als eine Heldengeschichte zu sein.

Man stelle sich einmal vor, ein knappes Drittel der Berliner würde sich zur Ankunft von Brad Pitt in Tegel versammeln. In den späten Siebzigern ist das Bata Živojinović auf einem chinesischen Flughafen widerfahren: Eine Million Menschen sollen dem in Belgrad geborenen Schauspieler zugejubelt haben. Živojinović ist in China für seine Verkörperung des Partisanenhelden Vladimir Perić, genannt Valter, im Film Valter verteidigt Sarajev0 berühmt. Gro.zügige Schätzungen gehen davon aus, dass seit seiner Premiere in China drei Milliarden Hajrudin Krvavacs Film von 1972 gesehen haben.

Der Erfolg in China liegt sicherlich auch daran, dass Valter einer der ersten ausländischen Filme war, die nach der Kulturrevolution gezeigt wurden. Zudem lasse die Geschichte des Partisanenhauptmanns zu, sie in einer Tradition mit dem in China sehr beliebten Genre des Ritterfilms zu sehen, das während der Kulturrevolution tabu war, sagen Kenner. Mittlerweile wird die Story auch kapitalistisch ausgeschlachtet: Bei der chinesischen Biermarke Valter ist Živojinović bis heute auf dem Etikett präsent.

Der Film orientierte sich sichtlich an Hollywood – nur, dass der Held ein Kommunist ist. Es ist ein spannender Agententhriller, in dem Valter den deutschen Besatzern von Sarajevo immer ein Stück voraus ist. Die haben einen falschen Valter in die Welt gesetzt, um das Netzwerk des gerissenen Partisanen zu infiltrieren. Natürlich ohne Erfolg: Valter bleibt unangreifbar, dank der ungebrochenen Solidarität der von der Besatzung geschundenen Bevölkerung von Sarajevo. Es ist alles dabei: jede Menge Spannung und unerwartete Wendungen, Kriegs-Action, Verfolgungsjagden, ein Showdown zwischen dem echten und dem falschen Valter, und am Ende explodieren die Wagons mit Benzin für die deutschen Panzer.

Das gleichnamige Comic ist bis heute das meistgelesene in Jugolawien – in China ist es natürlich auch Kult und wurde acht Millionen Mal verkauft. Die sechs Episoden vom bosnischen Zeichner Ahmet Muminović entsprechen teilweise bis ins Detail dem Film. Ursprünglich in Fortsetzungen erschienen, wurden diese 2014 zu einem Buch zusammengefasst.

In echt war’s anders

Der Partisanenkrieg war Gründungsmythos der kommunistischen Partei Jugoslawiens. Mit dem Kampf für eine gemeinsame kommunistische Zukunft sollten sich alle Jugoslawen identifizieren. Der historische Valter, der den Krieg nicht überlebte, wurde 1953 offiziell zum Volkshelden erklärt. Doch mit offiziellen Mythen ist es so eine Sache. Der Belgrader Regisseur Zoran Solomun (Jahrgang 1953) erzählte einmal, wie die Generation seiner Eltern in seiner Jugend auf ihn wirkte: verloren und enttäuscht, weil sie im Nachkriegsjugoslawien keine aktive Rolle mehr hatte, aber mit strenger Moral. Die Kinder, denen sie die Kriegstugenden mit auf den Weg geben wollten, wussten damit nichts anzufangen, reagierten ablehnend. Da kommt das Comic anders daher: Hier spielen Grausamkeiten und Entbehrungen keine Rolle. Valter hält auch keine moralisierenden Vorträge. Auch im Krieg der 90er Jahre, erfährt man im Einführungstext zum Comic, wurde Valter in Bosnien als Symbol für interkulturelle Toleranz gesehen.

Blieb aber der Mythos schon in Jugoslawien nicht ungebrochen, verhält es sich damit heute erst recht kompliziert: Nicht nur, weil etwa Massaker, die Titos Partisanenarmee nach Kriegsende verübte, längst offiziell sind. Es wird auch in den Nachfolgestaaten immer wieder versucht, die Partisanen, die einst für das multikulturelle Jugoslawien einstanden, national zu vereinnahmen – als serbische, bosnische, kroatische Helden. Dass Valter-Darsteller Živojinović im Alter die Partei Slobodan Miloševićs unterstützte, gehört zur Ironie dieser Geschichte.

Auf der anderen Seite werden die Partisanen von Nationalisten und Neofaschisten für Unrecht verantwortlich gemacht, mit dem sie nichts zu tun haben. Auf dem Partisanenfriedhof in Sarajevo werden Gräber mit Hakenkreuzen und Ustascha-Symbolen beschmiert. Währenddessen beschönigt mancher in Kroatien das Ustascha- Regime und rehabilitiert dessen Symbole. Das sich das kroatische Fußballnationalteam während der diesjährigen WM nicht vom Rocksänger Thompson, der mit Ustascha- Symbolik zumindest spielt, distanzierte, spricht Bände. In Serbien wiederum werden die monarchistischen Tschetniks, die mit den Nazis kollaborierten, im Nachhinein zu antifaschistischen Widerstandskämpfern. Der Kampf um die Interpretation der Geschichte tobt. Wer sind in diesem Kontext die potenziellen Leser des historischen Comics, und wie wird es gelesen?

In der Neuausgabe wurde der Superheldengeschichte einiges an Fotomaterial beigefügt: Valter und seine Genossen in Uniform, mal tapfer in die Kamera lächelnd, mal mit Sorge und Erschöpfung im Gesicht. Valters Heldenbegräbnis, bei dem 15.000 Menschen anwesend waren. Seine markanten Gesichtszüge sind auf jedem Bild leicht auszumachen. Ganz anders das Comic: Der generische Zeichenstil lässt alle charakteristischen Merkmale verschwinden. Die individuellen Besonderheiten des historischen Valter interessieren nicht, weder äußerliche noch biografische. Jeder könnte Valter sein, oder, wie es in der meistzitierten Szene im Film heißt: „Das ist Valter“ – gemeint ist die Stadt Sarajevo. „Valter“ steht für eine Botschaft, historische Authentizität spielt keine Rolle. Deshalb wirkt das Archivmaterial wie ein fehlgeleiteter Versuch, diese Authentizität zu verbürgen. Obwohl man darauf echte Menschen mit individuellen Gesichtszügen sieht, erfährt man nichts über das Leben der Partisanen, ihre Hintergründe, ihre Beweggründe.

Sicherlich wäre die Neuveröffentlichung eine Chance gewesen, die Heldengeschichte neu zu kontextualisieren. Der Einführungstext aber begnügt sich damit, Valters Heldentum hervorzuheben – er könnte auch schon in Jugoslawien gedruckt worden sein. Fraglich ist auch, an wen sich die Ausgabe richtet – erhofft man sich ein Revival des Erfolgs bei heutigen Teenagern? Oder ist die Ausgabe ein reines Nostalgie-Objekt für westeuropäische Linke – das an die Zeit erinnert, als die Hoffnung auf einen Sozialismus mit humanem Antlitz noch lebendig war? Das wäre schade. Wunderbar wäre eine Neuinterpretation, die mehr erzählt aus dem Leben der Partisanen, ihren Ideen, Hoffnungen und Nöten – oder gar eine Fortsetzung, über das Leben danach.

In welchem Licht wohl das Valter-Museum, das bald in Sarajevo als Touristenattraktion eröffnet wird, den Partisanen präsentieren wird? Die Tatsache, dass bei den aktuellen Wahlen die Nationalisten im Vielvölkerstaat die Nase vorne haben, verheißt wenig Gutes. Eins aber ist sicher: In Sarajevo ist man bereit für Touristenströme. Vor allem für die aus China.



Rezensiert von: Julia Hertäg
Link: www.freitag.de/