Dirndl mit Kalaschnikow

Wiener Zeitung, 11.9.2018



Thomas Fatzineks Comic "Die Schönheit der Verweigerung" über den Widerstand im Salzkammergut.

Im Hintergrund Berge und ein See, im Vordergrund ein Dirndl, es könnte die Novizin Maria von "Sound of Music" sein, hätte sie nicht eine Kalaschnikow in der Hand. Thomas Fatzinek hat einen Comic mit (bio-)grafischen Skizzen zu den Protagonisten und Protagonistinnen des Widerstands im Salzkammergut - auch Partisanen oder Freiheitskämpfer genannt - gezeichnet. Das Coverbild kann man allerdings nur symbolisch verstehen, denn die betreffenden Frauen hatten vermutlich nie eine Waffe eingesetzt, wie die gesamte Widerstandsgruppe um den Kommunisten und Spanienkämpfer Sepp Plieseis mit den Decknamen "Willy" und später "Fred" (woraus dann "Willy-Fred" wurde) weniger als bewaffnete Widerstandsgruppe bedeutend war, denn als Knotenpunkt für ein Netzwerk unterschiedlicher Gegner des Naziregimes, das gegen Ende 1944 um die 500 Personen umfasste.

Bilder von Partisanen

Dennoch trifft das Bild vom unscheinbaren Landmädel mit der Kalaschnikow: Allzu lange wurde die Rolle der Frauen, die tatsächlich als Widerstandskämpferinnen zu bezeichnen sind, vollends verkannt. Dementsprechend sind bei Fatzinek neben Sepp Plieseis, Franz Kain, Josef Hans Grafl weibliche Vertreterinnen des Widerstands - Resi Pesendorfer, Marianne Feldhammer, Maria Ehmer, Agnes Primocic - stark vertreten. In Tusche und Aquarell zeichnet Fatzinek, skizzenhaft wie angekündigt, biografische Ereignisse und Handlungen des Widerstands der einzelnen Personen nach und hinterlässt ein einprägsames Bild der Partisanengruppe.

Die historische Situation im Ausseerland und Salzkammergut am Ende des Zweiten Weltkriegs war insofern brisant, als es zugleich Naziurlaubland und Versteck von Partisanen war. Dazu kommt der Mythos von der Alpenfestung, einem besonders gesicherten Rückzugsort für Nazis, den die NS-Führung als Propaganda gegenüber den Alliierten einsetzte. Während ein Versuch scheiterte, Propagandaminister Josef Goebbels, der in der Villa Roth am Grundlsee sommerfrischte, festzunehmen, gelang es den Widerstandskämpfern im Rahmen der Befreiung Bad Ischls, einige Nazigrößen, darunter Ernst Kaltenbrunner, zu fassen und den US-amerikanischen Truppen zu übergeben.

Comics gegen Nationalsozialisten

"Schönheit der Verweigerung" steht nicht nur im Titel des vorliegenden Comics, er fasst auch das Programm des Autors zusammen. Insbesondere die Linolschnitte, mit denen Fatzinek begonnen hatte, knüpfen dabei an eine Tradition des Widerstands und eine Ästhetik der Verweigerung an. Verweigerung ist, neben anderen Formen des Widerstands, ein zentrales Thema des gebürtigen Oberösterreichers Fatzinek, Jahrgang 1965, der heute in Wien lebt. Die meisten seiner Comics seit 2004 befassen sich sogar im engeren Sinn mit Widerstand: "Als die Nacht begann..." (2004) mit dem Schutzbund-Aufstand im Februar 1934, "Die Stärkeren. Ein Bericht von Hermann Langbein" (2017) mit Formen des Widerstands in Auschwitz, "Eine alte Geschichte. Der Fall Sacco und Vanzetti" (2006) mit den Protestakten der anarchistischen Arbeitervertreter in den USA der 1920er Jahre. Im Rahmen des Erinnerungsprojektes "Gekreuzte Geschichten. Mexikoplatz 1938-1918" hat Fatzinek zuletzt Plakate in Linolschnitt entworfen, die derzeit (bis Oktober 2018) von eigens gefertigten Litfaßsäulen am Mexikoplatz prangen.

Fatzineks grafische Geschichten sind bei Bahoe Books verlegt, einem jungen Wiener Verlag, der in den letzten Jahren auch eine Reihe weiterer Comics herausgebracht hat, die sich ausdrücklich dem Thema Nationalsozialismus und Widerstand widmen. "Der Comic eignet sich ausgesprochen für das Thema, da er von Anfang an von den Nazis verpönt war", so die Verleger.

Mit der künstlerisch-dokumentarischen Rekonstruktion des Widerstands im Salzkammergut nimmt der Fatzinek einen Faden der österreichischen Geschichte auf, an dem nicht viele gestrickt haben. Wegbereitend für eine Neubewertung waren die Interviews, die Elisabeth Reichert im Jahr 1983 mit Frauen der Widerstandsgruppe geführt und in ihre Dissertation "Heute ist morgen" aufgenommen hatte. Darin sind erstmals die Leistungen der Frauen deutlich hervorgetreten. Für sein Porträt von Maria Ehmer greift Fatzinek auf ein Interview der Autorin zurück. Wenige Jahre später hat die österreichische Dokumentarfilmerin, Ruth Beckermann, den Videofilm "Der Igel" (1985) über den antifaschistischen Widerstand im Salzkammergut, mit Gesprächen von Leni Egger, Resi Pesendorfer, Maria Plieseis gedreht. Heute ist unter Historikern und Historikerinnen unbestritten, dass die Widerstandsgruppe ohne diese Frauen unvorstellbar gewesen wäre. Eine der Frauen, Marianne Feldhammer, hatte etwa den Weg ins Tote Gebirge nicht gescheut, um die Widerstandskämpfer außer mit Lebensmitteln auch mit Waffen auszustatten.

Aufrühren alter Geschichten

20 Jahre später, zum Anlass des Gedenkjahrs 2005, lässt Franzobel in seinem Stück "HIRSCHEN oder Die Errettung Österreichs" (2006) den Bürgermeister (irgendwo im Salzkammergut) ein Denkmal der Widerstandsgruppe "Igel" enthüllen, ein betont "lächerliches Denkmal", wie in den Regieanweisungen steht: "Rührts nicht die alten Geschichten auf. Das ist vorbei", beschwört der Bürgermeister die Gemeinde, und: "Jetzt habts das Denkmal, jetzt muss’s gut sein." Durch die Rahmenhandlung changiert das Stück zwischen der Gegenwart und der eingebetteten Geschichte der Widerstandsgruppe "Willy-Fred" um Sepp Plieseis zwischen Bad Ischl und Totem Gebirge. Franzobels "HIRSCHEN" ist ein barockes Sprachlustspiel, in dem auch die Schwächen der Widerstandskämpfer nicht verschont werden. Im Gegensatz zu Franzobels durchwegs erfrischendem Barock zeichnet sich Fatzineks Comic-Doku durch eine nüchterne Schlichtheit und Einfachheit aus. Doch gerade diese Nüchternheit, mit der Fatzinek alte Geschichten aufrührt und in Erinnerung ruft, ist überzeugend.



Bis Oktober läuft auf dem Mexikoplatz das Projekt "Gekreuzte Geschichten. Mexikoplatz 1938-2018", für das Fatzinek Plakate in Linolschnittform beigesteuert hat.



Rezensiert von: Martin Reiterer
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